Johnnys Geschichte

„DIE KRANKHEIT IST WIE EIN KINOFILM, UND ICH HABE DIE HAUPTROLLE“

Jonathan Heimes

K R E B S  – fünf Buchstaben, die uns erschaudern lassen, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen, die unsere tiefsten Ängste hervorbringen. Fünf Buchstaben eines zur Realität geworden Albtraums. Doch noch schlimmer ist die Vorstellung, es trifft unsere Kinder, jene, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben

JOHNNYS GESCHICHTE: EIN ALBTRAUM UND EIN MÄRCHEN

Jonathan Heimes, genannt „Johnny“, ist am 8. März 2016 nach zwölf Jahren Kampf gegen den Krebs gestorben. Seine Geschichte ist ein Albtraum. Aber auch ein Märchen, wie die F.A.Z. nach seinem Tod in einem Nachruf schrieb: „Es ist eine Geschichte von tiefstem Leid und größtem Mut. Eine Geschichte auch über die Kraft des Sports.“
Johnny ist erst vierzehn Jahre alt, als ihm die Ärzte im Juni 2004 in der Frankfurter Uniklinik den Schädel aufbohren und während einer sechsstündigen Operation einen bösartigen Tumor, ein Medulloblastom, aus dem Kleinhirn entfernen. Er überlebt, erwacht nach zwei Wochen aus dem Koma. Er wiegt noch 43 Kilogramm bei 1,70 Meter Körpergröße. Seine linke Körperhälfte kann er nicht mehr bewegen.

Zwei Jahre zuvor war er hessischer Jugendmeister im Tennis gewesen, genau wie seine drei Jahre ältere Freundin Andrea Petkovic. Beide trainierten in Darmstadt bei Zoran Petkovic, Andreas Vater. Beide hatten große sportliche Pläne, doch ihre Weg trennten sich: Andrea stieg in die Weltspitze auf. Vor Johnny lag ein langer Leidensweg, der Kampf gegen den Krebs.

„Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich erreicht habe“, sagt Andrea Petkovic, „aber was Johnny geleistet hat, wiegt um vieles mehr. Er hat viel, viel mehr erreicht als ich. Er war immer der Sportlichste, der Koordinativste von uns allen, und dann konnte er von einem Tag auf den anderen kaum noch gehen. Wie er sich durchgekämpft hat, wie er dem Krebs die Stirn geboten hat, mit seiner Willenskraft und seinem Durchhaltevermögen, das ist unglaublich.“

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DER TOD KLOPFT EIN ZWEITES MAL AN SEINE TÜR

Johnny kämpfte sich zurück ins Leben. Er ging wieder in die Schule und machte sein Freiwilliges Soziales Jahr als Jugendtrainer im TEC Darmstadt, seinem Heimatverein. Dann schlugt der Krebs ein zweites Mal zu: Metastasen an der Wirbelsäule, viele, überall. Die vierstündige Operation verlief gut, man erhoffte sich Zeit, dachte an weitere Chemotherapien. Doch zwei Tage später der Albtraum: Johnny spürt seine Beine nicht mehr, Querschnittslähmung.

Am Abend liegt er im Krankenhausbett und liest eine SMS, die ihm ein Freund aufs Handy schickt: „4:6, 4:5, 15:40. Zwei Matchbälle gegen dich. DU MUSST KÄMPFEN! Es ist noch nichts verloren“ Das inspirierte Johnny und wurde zu seinem Lebensmotto.

Rollstuhltraining lehnt er ab. Stattdessen verabredet er sich in einem halben Jahr mit Zoran Petkovic auf dem Tennisplatz zum Bälle schlagen. Die Behandlung schlägt an. Er trainiert zwischen den Chemoblöcken so gut es geht. Er schafft es, an der Hand seines Vaters die ersten Schritte zu gehen. Er beginnt, nachts sein Leben aufzuschreiben. Ein Buch. „Comebacks Meine Leben“ soll es heißen. Als er das Buch kurz vor Weihnachten 2012 fertig hat und vorstellt, sitzt Andrea Petkovic neben ihm am Tisch und liest aus dem Vorwort, das sie für den Freund geschrieben hat. „Ich komme nicht umhin, Jonathan bedingungslos zu bewundern für seine Kraft, seinen Kampf und seinen Willen. Für mich ist er ein Vorbild und eine Inspiration.“ Dann bricht sie in Tränen aus. Jonathan kümmert sich um sie. „Er hat mich getröstet“, sagt sie. „ER hat MICH getröstet, ist das nicht verrückt?“

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COMEBACKS – JOHNNYS DRITTES LEBEN

Johnny hat zu dieser Zeit einundzwanzig Chemos hinter sich. Das MRT zeigt keine Auffälligkeiten, die Metastasen im Rücken sind besiegt. Johnny beginnt sein drittes Leben. Am 19. Februar 2013 wird er 23 Jahre alt. Ein paar Tage zuvor haben sie in Frankfurt wieder ein MRT gemacht. Rücken und Kopf. Und sie haben wieder etwas gefunden. Metastasen im Kopf. Alles geht wieder von vorn los. Kinderkrebsstation, Chemos, das ganze Programm.

Johnny schreibt dazu in seinem Buch: „Ich werde weitermachen. Ich habe zweimal um mein Leben gekämpft, was soll Schlimmeres kommen? Das ist die Endstufe, weiter geht es nicht, danach kommt nur noch der Tod.“

Der Tod ist keine ferne Bedrohung auf einer Kinderkrebsstation, er ist nah, jeden Tag, aber man darf ihn nicht zu ernst nehmen, darf sich nicht zu sehr fürchten, sich nicht klein machen vor ihm. Man muss an das Leben glauben. Professor Volker Beck, ein Spezialist auf dem Gebiet der Psycho-Onkologie, wird zu Johnnys Freund: „Er zeigt uns, wie wir dieser Krankheit ins Gesicht sehen und ihr standhalten können“, sagt er. Mit einer Kraft, die aus dem Sport und seinen Werten kommt. „Es ist ihm wichtig, dass er trotz seiner Krankheit der bleibt, der er ist“, sagt Beck.

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JOHNNY ÜBERLEBT ABERMALS UND ENTWICKELT DEN WUNSCH, ANDEREN KINDERN ZU HELFEN

Der Krebs schafft es auch diesmal nicht, Johnnys Leben zu beherrschen und ihm die Lebensfreude zu nehmen. Sein Motto: „Egal wie hart dich das Schicksal trifft, es geht immer nach vorn, nie zurück!“

Mit einem Freund zusammen hat er eine neue Idee. Er will anderen krebskranken Kindern helfen. Er will Armbändchen mit seinem Lebensmotto „DU MUSST KÄMPFEN! Es ist noch nichts verloren“ gegen Spenden abgeben. Wo geht das besser als im Fußballstadion seiner „Lilien“? Den Lilien stand damals – 2013 – das Wasser bis zum Hals, Endspiel gegen die Stuttgarter Kickers um den Verbleib in der Dritten Liga. Mit Unterstützung von Vorstand und Trainerteam des Darmstädter Fußballvereins stellte er den Fans seine Initiative vor und ließ blaue Bändchen im Stadion verkaufen. Das Spiel ging zwar verloren, Darmstadt war vermeintlich abgestiegen, aber die ersten 687 Euro Spendengelder waren eingesammelt. Johnny brachte sie persönlich beim Verein „Hilfe für krebskranke Kinder“ in Frankfurt vorbei. Das war der Anfang eines Fußballmärchens – und einer unfassbar erfolgreichen Hilfsaktion für krebs- und andere schwerstkranke Kinder in der Region.

Im Jahr darauf vor dem Relegationsspiel der Lilien in Bielefeld, als nach dem 1:3 am „Bölle“ alles verloren schien, ließ Dirk Schuster bei Johnny die Bändchen mit dem Spruch abholen. Und er erzählte den Spielern von diesem Jungen, den sie vom Training alle kannten. Der bei den Heimspielen im Rollstuhl direkt neben der Trainerbank saß. Und von seinem schweren Kampf um das Leben und gegen den verfluchten Krebs. Jeder Spieler nahm ein Bändchen. Sie waren beeindruckt von Johnnys Kampfgeist und bereit, alles zu geben. Schon im Siegestaumel nach dem 4:2 in letzter Minute in Bielefeld lud die Mannschaft Johnny zum Feiern ein. Er war für die Spieler zum Teil der Mannschaft geworden, er hatte einen wichtigen Beitrag zu ihrem Erfolg geleistet.

Auch die Fans waren von Johnny berührt. Sie wollten mithelfen. Und so besorgten sie sich die Bändchen und spendeten. Sie sammelten auf Geburtstagen, Weihnachtsfeiern oder Flohmärkten. Bis Ende 2014 waren insgesamt 100 000 Euro an Spenden für den Verein „Hilfe für krebskranke Kinder“ zusammen gekommen.

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GRÜNDUNG DER GEMEINNÜTZIGEN DUMUSSTKÄMPFEN! GMBH

Anfang 2015 hatte Johnny mit einigen Freunden eine neue Idee: Sportevents für den guten Zweck ausrichten, bei denen Profis ohne Gage mit großzügig spendenden Amateuren Sport treiben. Dafür gründeten Johnny & Friends die gemeinnützige DUMUSSTKÄMPFEN! GmbH.

Erstes Event war die Tennis Trophy 2015 mit anschließender Party beim TEC Darmstadt. Aytac Sulu und Dirk Schuster von den Lilien waren mit am Start und Johnny plauderte mit Reporterlegende Wolf Dieter Poschmann vor knapp 200 Zuschauern über die Chancen der Lilien, die mittlerweile in die Bundesliga aufgestiegen waren.
Kurz vorher hatte Johnny wieder einen Rückfall erlitten. Es ging ihm immer schlechter. Für die Spendenübergabe im November 2015 war er aber noch einmal groß in Form: Ergebnis der 1. Tennis Trophy und vieler anderen Aktionen im Jahr 2015, dem ersten Jahr der DMK gGmbH: 70 000 Euro für die Supportive Sporttherapie für krebskranke Kinder während der Chemotherapie an der Uniklinik Frankfurt, in der Kinder aus der ganzen Region behandelt werden.

EIN SIEGER GEHT VOM PLATZ

Am 8. März 2016 ist Johnny gestorben.

Sein Tod löste eine unglaubliche Anteilnahme aus. Er hat unfassbar viele Leute, die ihn kannten oder von seiner Geschichte gehört hatten, inspiriert. Es gab unzählige Aktionen, die Resonanz war und ist überwältigend.

DUMUSSTKÄMPFEN! INITIATIVE NACH JOHNNYS TOD

Johnnys Vater Martin hat auf Bitten aller anderen Gesellschafter seinen Platz in der Geschäftsführung der DMK gGmbH übernommen. Für uns war klar: Wir machen weiter in Johnnys Sinne, jetzt erst recht! So fand im Sommer 2016 die 2. DMK Tennis Trophy mit Party im VIP-Zelt der Lilien statt. Und im Sommer 2017 folgte die 3. DMK Tennis Trophy mit „Jonathan Heimes Sommer Gala“ im Foyer des Staatstheaters Darmstadt. Hinzugekommen ist im August 2017 die erste DMK-Golf-Trophy im Golfclub Darmstadt- Traisa.

Der Darmstädter Welt-Konzern Merck verzichtete in der Saison 2016/2017 auf seine Namensrechte für das Stadion am Böllenfalltor, um es in „Jonathan-Heimes-Stadion“ umzubenennen. Es war ein weltweit einmaliger Vorgang, dass ein Traditionsstadion nach einem Fan benannt wurde. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, sie erreichte über 840 Millionen Menschen. Ein Zahl, die sonst nur das Champions League Finale schafft.

Die Darmstädter Software AG hat im Heimspiel der Lilien gegen Mainz am 8. März 2017 auf ihre Namensrechte auf den Lilien-Trikots verzichtet und ein Sonder-Trikot mit dem Motto: „DUMUSSTKÄMPFEN!“ anfertigen lassen. Die Auflage von 1898 Trikots war innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft.
Aber nicht nur große Unternehmen, sondern auch Vereine, Schulen, Behörden und Privatpersonen haben im letzten Jahr kräftig gespendet oder mitgeholfen, Spenden zu sammeln.

Johnnys Lebenswerk wurde posthum mehrfach prämiert. So wurde er posthum als „Mensch des Respekts“ vom Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier ausgezeichnet. Mit der Kampagne „Menschen des Respekts“ möchte die hessische Landesregierung Toleranz, Fairness und Hilfsbereitschaft als Grundbaustein der Gesellschaft fördern.

Im Rahmen der Gala des 24. Deutschen Fundraising-Kongresses in Kassel erhielt Jonathan am 4. Mai 2017 einen Sonderpreis für sein herausragendes persönliches Engagement.

Insgesamt konnte die DUMUSSTKÄMPFEN!-Initiative seit 2013 mehr als eine Million Euro für ihre Projekte zur Behandlung und Betreuung krebs- und sterbenskranker Kinder verteilen.

Helfen Sie mit, dass die wichtigen Projekte von DMK auch in Zukunft fortgeführt werden können.

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