Johnnys Geschichte

„DIE KRANKHEIT IST WIE EIN KINOFILM, UND ICH HABE DIE HAUPTROLLE“

Jonathan Heimes

K R E B S  – fünf Buchstaben, die uns erschaudern lassen, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen, die unsere tiefsten Ängste hervorbringen. Fünf Buchstaben eines zur Realität geworden Albtraums. Doch noch schlimmer ist die Vorstellung, es trifft unsere Kinder, jene, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben

Jonathan Heimes, genannt Johnny, ist erst vierzehn Jahre alt, als ihm die Ärzte im Juni 2004 in der Frankfurter Uniklinik den Schädel aufbohren und während einer sechsstündigen Operation einen bösartigen Tumor, ein Medulloblastom, aus dem Kleinhirn entfernen. Er überlebt, erwacht nach zwei Wochen aus dem Koma, mit 43 Kilogramm bei 1,70 Meter und kann seine linke Körperhälfte nicht mehr bewegen. Niemand kann ihm versprechen, dass diese Ausfälle zurückgehen, doch es lohne sich dafür zu kämpfen – wie im Tennis. Zu diesem Zeitpunkt ist er hessischer Tennis-Jugendmeister, genau wie seine drei Jahre ältere Freundin Andrea Petkovic. Beide trainieren in Darmstadt bei Zoran Petkovic, beide haben große sportliche Pläne, doch ihre Weg trennen sich unweigerlich: Andrea steigt in die Weltspitze auf und vor Johnny liegt ein langer Leidensweg, nicht ahnend, ob er ihn überleben wird.

Dennoch ist Johnny nicht bereit aufzugeben, er nimmt sich Sportler zum Vorbild und schafft sein persönliches Wunder: Nach Operation, Chemo und Bestrahlung kämpft er sich zurück ins Leben, in die Schule, zu seinen Freunden und auf den Tennisplatz, wo er nicht mehr um Titel spielen kann, aber Kindern, gemeinsam mit Zoran Petkovic, beim TEC Darmstadt Unterricht gibt.

 

„Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich erreicht habe“, sagt Andrea Petkovic, „aber was Johnny geleistet hat, wiegt um vieles mehr. Er hat viel, viel mehr erreicht als ich. Er war immer der Sportlichste, der Koordinativste von uns allen, und dann konnte er von einem Tag auf den anderen kaum noch gehen. Wie er sich durchgekämpft hat, wie er dem Krebs die Stirn geboten hat, mit seiner Willenskraft und seinem Durchhaltevermögen, das ist unglaublich.“

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DER TOD KLOPFT EIN ZWEITES MAL AN SEINE TÜR

Fünf Jahre vergehen, keine Metastasen, kein Rückfall. Er hat wieder sprechen, essen, trinken und gehen gelernt, getragen von seinem  eisernen Willen sich nicht unterkriegen zu lassen. Doch dann schlägt der Krebs ein zweites Mal zu: Metastasen an der Wirbelsäule, viele, überall. Er gibt auch in dieser schweren Situation nicht auf, zeigt einen unbändigen Lebensmut. Nur eines will er nicht, im Rollstuhl sitzen. Diese Angst wiegt größer als der Tod. Die vierstündige Operation verläuft gut, man erhofft sich Zeit, denkt an weitere Chemotherapien. Doch zwei Tage später erfüllt sich Johnnys Albtraum – er spürt seine Beine nicht mehr, Querschnittslähmung.

Am Abend liegt er im Krankenhausbett und liest eine SMS, die ihm ein Freund aufs Handy schickt: 4:6, 4:5, 15:40. Zwei Matchbälle gegen dich. DU MUSST KÄMPFEN! Es ist noch nichts verloren. Ist es nicht so, dass man die größten Siege aus scheinbar hoffnungsloser Position erringt? Im Sport und genauso im Leben?

Auf dem Tennisplatz und auf der Krebsstation schwört sich Johnny, weiter zu kämpfen. Rollstuhltraining lehnt er ab. Stattdessen verabredet sich in einem halben Jahr mit Zoran Petkovic auf dem Tennisplatz zum Bälleschlagen. Die Behandlung schlägt an. Er  trainiert zwischen den Chemoblöcken, so gut es geht. Er schafft es, an der Hand seines Vaters die ersten Schritte zu gehen. Er beginnt, nachts sein Leben aufzuschreiben. Ein Buch. „Comebacks“ soll es heißen. Als er das Buch kurz vor Weihnachten 2012 fertig hat und vorstellt, sitzt Andrea Petkovic neben ihm am Tisch und liest aus dem Vorwort, das sie für den Freund geschrieben hat. „Ich komme nicht umhin, Jonathan bedingungslos zu bewundern für seine Kraft, seinen Kampf und seinen Willen. Für mich ist er ein Vorbild und eine Inspiration.“Dann bricht sie in Tränen aus. Jonathan kümmert sich um sie. „Er hat mich getröstet“, sagt sie. „ER hat MICH getröstet, ist das nicht verrückt?“

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COMEBACKS – JOHNNYS DRITTES LEBEN

Johnny hat zu dieser Zeit einundzwanzig Chemos hinter sich. Das MRT zeigt keine Auffälligkeiten, die Metastasen im Rücken sind besiegt. Johnny beginnt sein drittes Leben. Am 19. Februar 2013 wird Jonathan 23 Jahre alt. Eine paar Tage zuvor haben sie in Frankfurt wieder ein MRT gemacht. Rücken und Kopf. Und sie haben wieder etwas gefunden. Metastasen im Kopf. Alles geht wieder von vorn los. Kinderkrebsstation, Chemos, MTX.

„Ich werde weitermachen. Ich habe zweimal um mein Leben gekämpft, was soll Schlimmeres kommen? Das ist die Endstufe, weiter geht es nicht, danach kommt nur noch der Tod.“ Der Tod ist keine ferne Bedrohung auf einer Kinderkrebsstation, er ist nah, jeden Tag, aber man darf ihn nicht zu ernst nehmen, darf sich nicht zu sehr fürchten, sich nicht klein machen vor ihm. Man muss an das Leben glauben. Prof. Dr. Volker Beck, ein Spezialist auf dem Gebiet der Psycho-Onkologie, hat sich mit ihm angefreundet: „Er zeigt uns, wie wir dieser Krankheit ins Gesicht sehen und ihr standhalten können.“ Mit einer Kraft, die aus dem Sport und seinen Werten kommt. „Es ist ihm wichtig, dass er trotz seiner Krankheit der bleibt, der er ist“, sagt Beck.

 

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JOHNNY ÜBERLEBT ABERMALS UND ENTWICKELT DEN WUNSCH, ANDEREN KINDERN ZU HELFEN

Der Krebs hat abermals keinen Sieg davongetragen, es nicht geschafft, sein Leben zu beherrschen und ihm die Lebensfreude zu nehmen: „Egal wie hart euch das Schicksal trifft, es geht immer nur nach vorn, nie zurück!“ Er macht sein Versprechen wahr, hilft anderen krebskranken Kindern, indem er Armbändchen mit seiner Durchhalteparole „DU MUSST KÄMPFEN! Es ist noch nichts verloren“ verkauft. Bis heute hat er hiermit über 150.000 Euro gesammelt, die dem Frankfurter Verein „Hilfe für krebskranke Kinder“ zugute gekommen sind.

 

Doch dies soll erst der Anfang sein. Im Februar 2015 gründet er an der Seite von Andrea Petkovic die gemeinnützige Gesellschaft „DU MUSST KÄMPFEN! Es ist noch nicht verloren“. Mit Sportevents möchten Sie sie sich weiterhin im Kampf gegen den Krebs engagieren, Gutes tun und Hoffnung schenken. Denn Aufgeben ist für Johnny, auch nach allen Rückschlägen, keine Option.

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